KingKontent auf Abwegen, die zum Standard wurden

Dieses Jahr haben wir unsere ersten Aufträge für Transkription bekommen. Bei diesen Jobs wird uns eine Audiodatei zugeschickt und wir tippen im Großen und Ganzen Wort für Wort das ab, was dort gesprochen wird. Inklusive übrigens allem Gestammel, Gestottere und Gesabbel, das die Leute so von sich geben. Diese Wort-für-Wort-Transkriptionen heißen dann im Fachjargon Verbatim-Transkription.

Nun stellt man sich vielleicht vor, wie ein Richter in einer Verhandlung oder ein Arzt nach einer Untersuchung einen Bericht in sein Diktiergerät spricht. Nur: an solche Jobs kommen wir aus Diskretionsgründen nicht heran, da haben die immer ihre eigenen Leute. Was bleibt dann also übrig für Transkriptionsbüros?

Glad you asked.

Es sind vor allem Briefe und Bücher, die auf diesem Wege die Schriftform finden. Dort darf im Endergebnis allerdings kein „Äh!“ und kein „Öh!“ mehr stehen, sondern reiner und schön lesbarer Text. Diese Form der Transkription nennt sich ‚Edited‘. Und das leuchtet ja auch ein: Nicht jeder kreative Wunderschreiber tolkienscher Wortgewalt versteht sich auch auf die Tipperei. Also wird der neue Spiegel-Belletristik-Bestseller auf Band gesprochen und von Leuten wie uns in Schriftform gebracht.

Manche Auftraggeber machen es sich noch leichter. Die sprechen einfach grob formulierte Gedanken ins Mikro und erwarten von uns dann, dass wir den vollständigen Text schreiben. Häufig bei Geschäftsbriefen, aber auch bei den vielen tausenden von Ratgeber-E-Books, die inzwischen die Online-Büchergeschäfte überschwemmen.

Wer jetzt glaubt, das sei ein einfacher Job, der täuscht sich. Jemand, der wirklich schnell tippen kann, tippt immer noch nur etwa halb so schnell, wie ein ganz normaler Mensch spricht. Dann vielleicht noch per Mausklick den Audioplayer zurückspulen und die letzte Passage nochmal anhören? So funktioniert das nicht. Ohne ordentliche Hardware ist hier kein Blumentopf zu gewinnen.

Bei uns kommt hier eine DJ-Maschine aus dem semiprofessionellen Bereich zum Einsatz. Die Checker haben es eh gleich auf dem Foto erkannt. Zum einen können wir da im Display direkt die Audiowave verfolgen und wissen, an welcher Stelle wir beim nächsten Mal ansetzen müssen. Für Pausen gibt es eine Start-Stopp-Taste – und nichts wäre alberner, als jedes Mal die Hand von der Tastatur zu nehmen, um mit der Maus auf eine Pausenfunktion zu klicken.

Elementar ist aber vor allem das Jogwheel. Damit können wir präzise vor- und zurückfahren, ohne die Wiedergabe anhalten zu müssen. Dass wir außerdem noch Pitchen, und per Time-Stretching schneller oder langsamer laufen lassen können, spart uns bei schwierigen Passagen ordentlich Zeit.

Bei Transcribern sind Fußpedale sehr beliebt. Die machen die Arbeit nur leider überhaupt nicht schneller, eher langsamer im Vergleich zum Jogwheel. Ich glaube, das ist nur interessant für Leute, die nicht blind schreiben können…

Bei manchen Aufträgen fragen wir uns allerdings, wer so etwas überhaupt braucht. Zuletzt hatten wir einen völlig besoffenen Heini aus dem Ruhrpott, der irgendeinen armen Wicht in der Kneipe zugetextet hat über irgendwelche Strukturen und Prozesse in irgendeinem Konzern. War stellenweise kaum zu verstehen – im Endergebnis aber unfreiwillig komisch. Wer sich das antun will, kann ja mal ein paar Takte davon lesen:

A: In den, in den, äh, in den Projekten, jetzt fang ich nich ganz am Anfang also jetzt schon im Herbst, mittendrin, als wir Ares und und Andreas gefunden haben. Die wichtigste Entscheidung in jedem Projekt is letztendlich, beginnt mit der richtigen Auswahl des Projektleiters. Das is unser Problem. Das is dat aller-allerwichtigste, hab ich im Nachhinein wirklich erfahren, weil dann kann – wenn Du wirklich en guten – nehmen wir unseren Ares mal als Beispiel, en guten Ares da obendrauf, der in der Lage ist, selbst schnell das Staffing da unten drunter zu machen, ja, dann weiß ich auch ich muss mich nich alle 14 Tage um den persönlich kümmern. Dann kann ich so en Projekt mal laufen lassen, da kann ich mich an dem Tag und dem Tag das dann kümmern, und so weiter. Also dat war die aller-allerwichtigste Entscheidung, da einen Profi zu haben, oder drei-vier Leute bei dem Convoy zu haben, wo ich weiß, die ticken einigermaßen gleich vom Intellekt her, von der Empathie her –
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B: M-hm
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A: vom, vom Wissen her, die vernetzen sich vor allen Dingen auch miteinander, die tauschen sich untereinander, ohne das man jedes Mal sagen muss, kannst denn Du jetzt endlich mal die Leute, die Du da aufgeschrieben hast auch in euren Projekten mal, also dat ist für mich die, die, die wichtigste Erkenntnis gewesen. Und unten muss dann natürlich nachher der, der Vorsitzende des [inaudible], muss in der Regel habe ich, also, habe ich mich ja auch selber eingestellt, man muss den Leuten vertrauen. Im stillen Vertrauen, dat muss gegeben sein, wenn Du immer, wenn Du Restzweifel hast, oder, wie sagte mal eben einer
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[background inaudible]
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A: 1, 1 A Manager stellen auch 1 A Manager ein oder 1 A Vorstände stellen 1 A Manager ein und nicht eins B. Ja und da ist schon ein Bisschen was dran. Und das war für mich eigentlich die, die grundlegendste Entscheidung, ähm, und jetzt die, äh, ich hab also so ein paar Sachen aufgeschrieben, die Du mir in Deinen Mails auch zu –
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Anmerkung: Das rauszuhören war der tougheste Job, den wir bisher hatten. Zu den geforderten Konditionen haben wir diesen Auftrag nicht angenommen, und daher ein paar Zeilen Arbeit für die Tonne produziert. Das gute daran: wir können die Passage hier abdrucken, weil sie uns gehört…

Unsere Beiträge enden häufig in einem kräftigen und zackigen ‚DUH!‘… so auch hier:

Duh!

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